Feinkost 26_13
Somehow History Returned - Star Wars ist neoliberal
Ich hatte die neueste Feinkost eigentlich schon halb fertig geschrieben, als ich es mir anders überlegte und doch ein tagesaktuelles Thema der Popkultur politisch behandle. Eigentlich sollte es eine persönliche Special-Edition geben, aber die werde ich nun schieben. Aber zunächst wie immer s/o an alle treuen Leser, Subscriber und Supporter: Danke für den Support auf meinem neuesten Open-Axis-Video, wir haben die 1.200 Abonnenten geknackt! Und danke an Sven Gerst (wie gefühlt jede Ausgabe lol), der in dieser Woche von »Links« Feinkost gedroppt hat; herzlich willkommen an alle neuen Leser und danke an Sven!
Die heutige (Space-)Tageskarte:
Appetizer: Politik hat Star Wars nicht verstanden
Hauptgang: Star Wars ist neoliberal
Dessert: Das offizielle Ranking aller Star Wars Filme
Politiker verstehen Popkultur nicht
Der eigentliche Grund, der mich dazu provozierte, anlässlich des 4. Mai etwas zu Star Wars zu schreiben, ist der gottlose Politiker-Cringe zu Popkultur, die sie nicht verstehen. Der 4. Mai ist nämlich offizieller Star-Wars-Day, wegen des annähernden Homonyms »May the Fourth/Force be with you«, der tatsächlich zum ersten Mal am 4. Mai 1979 von keiner Geringeren als Margaret Thatcher (unglaublich based) zu ihrem Amtsantritt gebraucht wurde. Die Star-Wars-Filme erschienen in der Regel auch im Mai, der allererste »Krieg der Sterne« am 25. Mai 1977.
Star Wars ist das größte (zumindest finanziell) Erzeugnis globaler Popkultur aller Zeiten. Grund genug, dass Politiker unausstehlicherweise diesen Anlass missbrauchen, um peinliche KI-Bilder von sich selbst mit Lichtschwert hochzuladen. Die authentischen Fans der Filme in der Politik erkennt man recht deutlich. Einer von ihnen ist der hoch geschätzte Bundesjustizminister a. D. Dr. Marco Buschmann, der einen Post dazu veröffentlichte. Dabei zeigte er mal wieder, dass er die Materie im Gegensatz zum Slop des politischen Mainstreams tatsächlich verstanden hat.
Konkret schrieb Buschmann: »’Wut, Zorn, aggressive Gefühle – die dunkle Seite der Macht sind sie.’ So sagt es Meister Yoda. Dagegen setzen zivilisierte Jedis Vernunft und Ausgleich als Hüter des Friedens und der Gerechtigkeit. Genau das ist die Mission des Rechtsstaates: Vernunft statt Raserei, Ausgleich statt Unterwerfung, Gerechtigkeit statt Unrecht, innerer Frieden statt Bürgerkrieg.«
Diese Beobachtung fasst treffend das Selbstverständnis des deutschen Rechtswesens auf, übersieht aber einen kritischen Punkt: Die Jedi und ihre Ideologie sind am Willen zur Macht der Sith allesamt gescheitert.
Star Wars spiegelt den Zustand des Neoliberalismus
Bei allen glorreichen Erzeugnissen neoliberaler Ästhetik der 1980er–2000er Jahre gehört Star Wars zu den wirkmächtigsten. Daher ist es wichtig, die politische Komponente der Filme zu begreifen und ihr Tandem zum Verlauf neoliberaler Politik zu verstehen, um die gegenwärtige Krise des Liberalismus zu begreifen und letztlich Lösungen zu finden.
Star Wars als politischer Spiegel
Star Wars ist hochgradig politisch. Schon die scheinbar einfach gestrickten Space Operas der Originaltrilogie von 1977–1983 erzählten mit ihren zahllosen Referenzen zum Zweiten Weltkrieg und dem Vietnamkrieg eine politische Geschichte. Bevor ich nun alle offensichtlichen Referenzen zur politischen Geschichte der Prequel-Trilogie von 1999–2005 (Verfall der römischen Republik, Ausruf des Imperiums durch Napoleon, das Zitat Ludwigs XIV. usw.) aufzähle, will ich lieber die bemerkenswerten Parallelen zwischen der kulturellen Dominanz der Star Wars-Filme und der Hegemonie des Neoliberalismus aufzeigen.
Ich führte zu Beginn bereits die humorige Tatsache an, dass ausgerechnet Margaret Thatcher das Zitat prägte, das den 4. Mai als Star-Wars-Day auszeichnete. Noch bezeichnender ist aber die Zeit der Veröffentlichung des ersten Films im Jahre 1977. Der Vietnamkrieg, die Multikrisen und die ökonomische Stagflation zeichneten die 1970er Jahre aus, was sich auch im Film der Zeit widerspiegelte. Der Film der auslaufenden 1960er und der 1970er Jahre ist eine Gegenreaktion zum Kitsch der 50er Jahre. Anstatt des Happy Ends gab es vor allem Gewalt, Dekonstruktion und Melancholie – eine Zeit des Films im Geiste des Postmodernismus. Die Tristesse dieses Kinos wurde durch den Release des ersten »Krieg der Sterne« (wie man es damals noch eindeutschte) radikal durchbrochen. Auf dem Programm stand nun plötzlich ein klarer Kampf der Guten gegen das faschistoide Böse, eine Weltraum-Fantasywelt, die begeisterte, und hoffnungsvolle klassische Filmmusik dazu.
Star Wars schlug nicht nur wegen der gut geschriebenen Figuren, der faszinierenden Filmtechnik von ILM und einer mitreißenden Story ein, sondern auch, weil diese Filme eine hoffnungsvolle normative Kraft ausstrahlten – genau wie der Neoliberalismus dieser Zeit. Mit unbekümmerter Klarheit zeichneten Neoliberale das Narrativ der 1980er und 1990er: Wir sind die Guten, wir kämpfen gegen das totalitäre Böse und schaffen Wohlstand für alle auf der Welt, und wir sind bereit, unsere Werte auch wehrhaft durchzusetzen.
Die Prequel-Trilogie erzählt eine ganz andere Geschichte – zu einer Zeit der neoliberalen Hegemonie, die bereits zu bröckeln begann. Sie erzählt die Geschichte einer Republik, die 1.000 Jahre lang Frieden, Wohlstand und Freiheit brachte, bis sie schließlich zu einem bürokratischen Monstrum wurde, das seine eigenen Ideale längst verraten hatte. Der Verfall beginnt mit einem scheinbar harmlosen Handelsdisput, der aber den Grundstein für den Aufstieg eines charismatischen Despoten legt, der letztlich einen Krieg mit einer separatistischen Bewegung orchestriert, nur um sich selbst schließlich zum Führer zu machen und den Jedi-Orden (die selbsternannten Hüter des Friedens und der Gerechtigkeit) auszulöschen. Sound familiar?
Es ist rückblickend schon gruselig, wie weit die Star-Wars-Episoden 1–3 ihrer Zeit voraus waren. Sie warfen die Schatten eines bröckelnden Neoliberalismus voraus und wurden in ihrer Zeit um die Jahrtausendwende von vielen Fans missverstanden und erst in den letzten Jahren in den Augen der Szene rehabilitiert.
Die Krise des Franchise ist die Krise der Liberalen
Das Star-Wars-Franchise wurde Ende 2012 vom Konzern Disney gekauft – ein Schritt, der die Serie für immer verändern würde. Die neuen Star Wars-Filme von 2015–2019 waren rückblickend leidenschaftsloser Slop, der die immergleichen Tropes wiederkäute, bis die Filme letztlich an ihren eigenen Widersprüchen zugrunde gingen. Nicht wenige dieser Filme waren zunächst kulturelle und schließlich auch finanzielle Verlustgeschäfte. Die Serie wirkte selbstreferenziell. Hier und da gab es Lichtblicke wie die Clone-Wars-Serie oder Andor, aber der Name Star Wars strahlt längst nicht mehr seine kulturelle Dominanz aus.
Und schon wieder begegnen sich die Pfade eines Filmfranchise und die des politischen Liberalismus: intellektuelle Leere, selbstreferenzieller KI-Slop und der Versuch, das Kapital alter Innovationen bis zum Ende auszuschlachten. In Deutschland hat das schließlich zum Verlust der eigenen Glaubwürdigkeit geführt und damit auch mittelbar zum Niedergang der FDP. Dieses Problem hat nicht nur die FDP ergriffen, sondern grundsätzlich die Institutionen der Bundesrepublik. Selbst Organe wie das Bundesverfassungsgericht (hier sind die Parallelen zum Jedi-Orden überdeutlich), die vorgeben, neutrale Richtsprüche zu verteilen, verlieren an Glaubwürdigkeit, weil sie längst selbst Politik machen.
»Embrace a larger view« - Emanzipation vom Jedi-Dogmatismus
Hier schließt sich der Kreis zum Selbstverständnis, das Marco Buschmann so treffend über die Gemeinde des deutschen Rechtswesens wiedergibt. Die neutrale Instanz, die mit Vernunft für Frieden und Gerechtigkeit sorgt, ist eine Illusion und war es wahrscheinlich auch schon immer – insbesondere dann, wenn sie selbst längst Teil des Politischen geworden ist. Die Judikative ist eine der drei politischen Gewalten, und das Recht ist selbstverständlich normativ. Wenn wir uns den Illusionen des 20. Jahrhunderts hingeben, dann wird der Liberalismus genauso wie die Jedi untergehen.
Ein Liberalismus muss sich der dunklen Seite der Macht bewusst sein und sie in Teilen beherrschen, ohne sich von ihr vereinnahmen zu lassen. Um Sheev Palpatine aus Star Wars Episode 3 zu zitieren: »Anakin, wenn man das große Mysterium verstehen will, muss man alle seine Aspekte erforschen – nicht nur die dogmatische, enge Sichtweise der Jedi.« Es gibt Figuren in der Saga, die diesen Grenzgang in unterschiedlichen Ausprägungen begreifen: Ahsoka Tano, Obi-Wan Kenobi, Count Dooku oder Qui-Gon Jinn. Und letztlich auch Anakin Skywalker – der Gefallene und dann Wiedergeborene. Mehr dazu findet sich im brillianten Text von Sven Gerst zu Dark Liberalism. Wer also erfahren will, warum Gramsci oder Carl Schmitt zum neuen Neoliberalismus gehören sollten, der liest am besten dort.
Das Ranking aller Star Wars Filme
Zum Abschluss natürlich meine Liste der Star Wars-Filme und ihre Rankings. Wichtig: Hier bewerte ich nur die neun Episoden der Skywalker-Hauptsaga und weder die Spin-off-Filme noch die Serien.
Star Wars Episode V – The Empire Strikes Back. 11/10 (Wahrscheinlich der beste Film aller Zeiten. I know, ein Mainstream-Take, but sue me).
Star Wars Episode IV – A New Hope. 10/10 (Immer noch genial, kein bisschen Fett an diesem Streifen).
Star Wars Episode III – Revenge of the Sith. 9/10 (Ein paar holprige Dialoge tun diesem Drama keinen Abbruch. Der beste Filmsoundtrack aller Zeiten).
Star Wars Episode VI – Return of the Jedi. 8/10 (Ein etwas holpriger erster Akt, und die Ewoks sind sicherlich eher putzig als ernst zu nehmen, aber ein herausragendes Finale für diese epochale Filmtrilogie.)
Star Wars Episode II – Attack of the Clones. 7/10 (Politisch einer der interessantesten Filme der Saga, aber die Liebesszenen, die es in den Film geschafft haben, sind teilweise peinlich. Die Deleted Scenes zwischen Anakin und Padmé funktionieren deutlich besser. Einen Soft Spot habe ich bis heute für den Reveal der Klonarmee.)
Star Wars Episode I – The Phantom Menace. 7/10 (Ebenfalls politisch hochspannend. Jar Jar Binks ist allerdings eine fragwürdige Figur, die aber mit etwas Nostalgie ganz liebenswürdig daherkommt. Die beste Choreografie in Kombination mit Musik findet sich am Ende dieses Streifens.)
Star Wars Episode VII – The Force Awakens. 6/10 (Damals im Kino war ich großer Fan, weil der Film zwar politisch sehr dröge ist und viel wieder aufwärmt, aber damals doch einen soliden Charme hatte. Spannende Fragen wurden aufgeworfen, die aber leider nie beantwortet wurden und somit den Film retrospektiv schlechter machen.)
Star Wars Episode IX – The Rise of Skywalker. 3,5/10 (Eine groteske Hitparade mit dem schlechtesten Soundtrack aller Filme. Ein Film, der verzweifelt versucht, seinen noch schlimmeren Vorgänger ungeschehen zu machen, und allein dafür muss man ihn etwas schätzen. Die Story und die Dialoge sind allerdings Müll.)
Star Wars Episode VIII – The Last Jedi. 2/10 (Eine bodenlose Unverschämtheit. Der denkbar schlechteste Versuch, eine Saga zu dekonstruieren. Die Selbstherrlichkeit des Regisseurs erzeugt beim Anschauen Brechreiz.)


